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Mikrostrom und Krankenkassen

Warum zahlt die gesetzliche Krankenkasse die Mikrostromtherapie eigentlich nicht?

Auch wenn es ggf. nicht geschickt ist, einen Artikel mit Ironie zu eröffnen, so möchten wir Ihnen diese Satire nicht vorenthalten: „Die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland bieten einen umfassende Leistungen [sic!] zum Gesundheitsschutz. Medizinisch notwendige Behandlungen werden auf hohem Niveau erbracht. Dafür sorgt ein weitreichender Katalog von Krankenkassen-Leistungen, der von Ärzten und Krankenkassen-Vertretern ständig erweitert wird. Jeder Versicherte hat einen gesetzlichen Anspruch auf diese Leistungen.“ (krankenkassen.de, 2018)

Nun ja, „[…] Behandlungen auf hohem Niveau […]“, dazu kann natürlich jeder eine eigene Meinung zu haben, aber die Ärzte und Therapeuten sind schlussendlich die Leidtragenden dieses Systems, die sich täglich bemühen den Patienten die bestmöglichen Leistungen zu bieten.

Doch nun alle Ironie bei Seite. Warum wird die Mikrostromtherapie eigentlich nicht von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt? Eine Frage deren Beantwortung gleich mehrere Antworten beinhaltet. All Jene, die die Mikrostromtherapie als Anwender im täglichen Einsatz haben und Jene die als Patient in den Genuss dieser Therapieform kommen dürfen, haben sich diese Frage sicherlich auch schon des Öfteren gestellt.

Festgelegt sind die Leistungen, die von den Krankenkassen übernommen, im Leistungskatalog im Fünften Sozialgesetzbuch (SGB V). Dieser sogenannte Leistungskatalog, denn im Eigentlichen ist es gar kein richtiger Katalog, dient als Rechtsrahmen. Das Gesetz beschreibt, dass Versicherte einen “Anspruch auf eine ausreichende, bedarfsgerechte, dem allgemeinen Stand der medizinischen Wissenschaft entsprechende medizinische Krankenbehandlung haben”. (BMG, 2016)

Es ist wohl allein schon der Begriff: „Stand der Technik“ oder „medizinische Wissenschaft“, die es etwas schwieriger machen für gute Leistungen in den Katalog aufgenommen zu werden und leichter für lobbyistisch-geprägte Behandlungsformen und Konzepte, in diesen Katalog aufgenommen zu werden. Wer den meisten Einfluss (Geld) hat und diesen auch einsetzt, der wird wohl gute Chancen haben in diesen Katalog aufgenommen zu werden. Denn hier kann gut für die eine oder andere Seite argumentiert werden, dass den der ‚anerkannte Stand der Technik‘ ist. Die Definition ist in der Tat nicht sehr einfach, schon gar nicht für einen Laien, der sich einfach nur fragt, warum die Mikrostromtherapie nicht von der Krankenkasse übernommen wird. Der BGH zur Frage nach dem ‚Stand der Technik‘ in einem Urteil wie folgt argumentiert, dass harmonisierte Normen den Stand der Technik wiedergeben können, aber auch dahinter zurück bleiben können (BGH VII ZR 184/97). Was soll man mit so einer Aussage in Bezug auf die Mikrostromtherapie? Nun was die Kostenübernahme zur Therapie mit Mikrostrom betrifft, sicherlich nicht sehr viel, dieses hilft eigentlich mehr den Hersteller von Mikrostromgeräten, denn diese müssen sich an die jeweils anzuwendenden harmonisierten Normen halten.

Somit lässt sich bis hier her festhalten, die Argumentation mit dem ‚anerkannten Stand der Technik‘ ist in diesem Zusammenhang nichts wert.

Doch ist es überhaupt für die Mikrostromtherapie interessant aufgenommen zu werden?

Aus Sicht der Versicherten ganz sicher, aber aus Sicht der Anwender der Mikrostromtherapie eigentlich gar nicht! Warum? Mikrostromgeräte müssen von ihren Herstellern durch eine Nomenklatur kategorisiert werden. Diese Kategorie wird/muss bei der Meldung des Produktes bei der DIMDI (Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information) zwingend angegeben werden. Diese Nomenklatur hat im Übrigen nicht mit der Risikoklassifizierung von Medizinprodukten zu tun.

Mikrostromgeräte sind per Definition und Kategorisierung ‚Elektrotherapiegeräte nach UMDNS 11-503‘ (Walitschek, 2017, S. 71). In diesem Zusammenhang verläuft auch die Konformitätsbewertung von Mikrostromgeräten und so wird und muss auch die Gebrauchsanweisung aufgebaut werden. 

Schauen wir jetzt in Richtung Erstattung etwaiger Kosten für die Mikrostromtherapie, so müssen wir in die Anwendung von Elektrotherapie schauen. 

In der Vergütungsvereinbarung gemäß § 125 SGB V für die Abrechnung physiotherapeutischer Leistungen, Massagen und medizinischer Bäder wird die Elektrotherapie unter Code X1302 bis X1733 angegeben. Dort heißt es konkret: „Elektrotherapie/-behandlung einzelner oder mehrerer Körperteile Regebehandlungszeit: Richtwert 10 bis 20 Minuten.“ Bis zum 30.11.2017 können hier von den Physiotherapeuten 4,69 Euro PRO Behandlung abgerechnet werden. Ab dem 01.04.2018 ganze 5,16 Euro PRO Behandlung. Damit erhalten die Physiotherapeuten in der Behandlung mit Mikrostrom und Abrechnung über die gesetzlichen Krankenkassen nach Verordnung eine Vergütungssteigerung von ganzen 8,9 %. (vdek, 2017, S. 9)

Dem Patienten in der Regel vollkommen egal, für den Behandler elementar

Einem Patienten kann es natürlich egal sein, was ein Therapeut oder Arzt mit der Mikrostromtherapie verdient, sollte es ihm aber nicht! Die Mikrostromtherapie ist eine Form der Elektrotherapie doch hat in der Wirkung nichts mit dieser zutun. Die Weltgesundheitsorganisation entwickelte das sog. WHO-Stufenschema zur Schmerztherapie. Ziel dabei war es eine adäquate Schmerztherapie zu entwickeln und die analgetische Medikation schrittweise zu eskalieren. Die Physiotherapie (unter welche hier beispielsweise die Mikrostromtherapie fallen könnte), soll nach WHO als bedarfsadaptierte und unterstützenden Maßnahme eingesetzt werden (Bablich, Antwerpes & Schwarz, 2007).

Doch ist die Mikrostromtherapie in der Definition gar keine Schmerztherapie

Die Elektrotherapie wird gerne auch als ‘physikalische Schmerztherapie’ bezeichnet. Dabei werden per Definition die Muskeln elektrischen Reizen ausgesetzt, wodurch eine verbesserte Durchblutung und Entspannung der erreicht wird. Die Nervenrezeptoren werden durch die relativ starken Spannungen unempfindlicher und es kommt zu einer örtlichen Ausschüttung von Endorphinen, die ihresgleichen wieder für eine Schmerzlinderungen dienen (Deutscher Verlag für Gesundheitsinformation GmbH).

Damit ist klargestellt, dass die Mikrostromtherapie keine Schmerztherapie per Definition ist, sondern per ‚Nebenwirkung‘. Die indikative Wirkung von Mikrostrom ist die Regulation des Stoffwechsels. Hierzu können zahlreiche Studien wie Cheng et. al herangezogen werden (CHENG et al., 1982). Somit werden zwar elektrische Ströme genutzt in der Mikrostromtherapie, jedoch haben die rein gar nichts mit der klassischen Elektrotherapie zu tun, aus dem Blickwinkel der Beschreibung von Schmerztherapie nach WHO. Dieser Umstand macht es um so schwieriger die Mikrostromtherapie als Kassenleistung zu etablieren.

Es macht aber auch einfach gar keinen Sinn die Mikrostromtherapie als Kassenleistung zu etablieren

Wie bereits beschrieben, erhalten Therapeuten von den gesetzlichen Kassen max. 5,16 Euro für eine Behandlung und das bei einem Richtwert von max. 20 Minuten. Eine Mikrostromtherapie dauert mal gut und gerne mind. 24 Minuten und da ist das Anlegen der Elektroden, geschweige denn das Aus- und Anziehen der Patienten noch nicht enthalten. Somit sind 20 Minuten schon mal der falsche Richtwert. Würde die Mikrostromtherapie jetzt über eine Kassenverordnung abgerechnet werden, dann erhielte der Therapeut für jede Behandlung 5,16 Euro. Damit ist kein Mikrostromgerät (zumindest kein legales) finanzierbar und damit ist auch die Arbeitszeit des Therapeuten bei weitem nicht gedeckt.

Es ist also nicht nicht sinnvoll die Mikrostromtherapie in den Leistungskatalog aufnehmen zu lassen, sondern es wäre sogar schwachsinnig.

IGeL, Selbstzahler und Privatpatienten

 „Solange Krankenkassen nicht alles bezahlen, was im Einzelfall medizinische sinnvoll ist, kann man Individuellen Gesundheitsleistungen nicht per se eine Berechtigung absprechen.“ (Deutscher Ärzteverlag GmbH, 2018)

In einigen Bereichen sind die sogenannten IGeL (Individuelle Gesundheitsleistungen) in Verruf geraten, doch wo treten denn zu meist die wesentlichen Innovationen in der Medizin auf? Genau, im Bereich der Selbstzahler, also der IGeL. Innovation bedeutet auch ein Stück weit ein gewisses Risiko einzugehen, gemeint ist das finanzielle Risiko für den Anwender eine neue und innovative Leistung in das Behandlungsspektrum mit aufzunehmen. Nur dann kann man sich am Markt vernünftig positionieren und aufstellen. Dabei ist es jedoch in der Regel nicht möglich eine Kassenleistung anzubieten. 

Privatpatienten sind hier etwas im Vorteil, denn hier kann es durchaus sein, dass die Mikrostromtherapie von den privaten Kassen übernommen wird. Gleiches ist auch vorstellbar bei den privaten Zusatzversicherungen. Wichtig zu bedenken dabei ist, mit einem legalen Mikrostromgerät behandelt zu werden, weil die Kassen durchaus einmal Nachfragen zu dem Gerät und der Methoden haben können und dann werden mind. die Gebrauchsanweisung (an dieser erkennt man zu 95% ob das Gerät ein ordentliches oder ein ‚Wild-West Gerät ist) und Studien zu eben diesem Gerät angefordert.

Fazit

Die Mikrostromtherapie ist richtigerweise ein Selbstzahler-Leistung. Anderweitig lässt sich diese Therapieform auch nicht gewinnbringend einsetzen, sei durch Ärzte oder durch Therapeuten. Denn am Ende des Tages ist eine Praxis keine soziale Einrichtung, sondern ein Wirtschaftsunternehmen. So übel das auch klingen mag, aber man könnte dazu auch Zwei-Klassen-Medizin sagen. 

Nichtsdestotrotz ist die Mikrostromtherapieform bei der Schmerzpatient sehr schnell erkennt, dass diese Investition sich für ihn sehr schnell ‚auszahlt‘. Es darauf zu achten, dass die Mikrostromtherapie mit einem legalen Gerät durchgeführt wird, nicht nur wenn man als Privatpatient eine Kostenerstattung seiner Krankenkasse in Betracht zieht.

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Literatur und Quellen

Bablich, H., Antwerpes, F. & Schwarz, A. (DocCheck Community GmbH, Hrsg.). (2007). WHO-Stufenschema. Verfügbar unter https://flexikon.doccheck.com/de/WHO-Stufenschema

BGH (14.05.1998) VII ZR 184/97. JurionRS 1998, 15473. Verfügbar unter https://www.jurion.de/urteile/bgh/1998-05-14/vii-zr-184_97/

BMG. (2016). Leistungskatalog der Krankenversicherung, Bundesministerium für Gesundheit. Zugriff am 04.12.2018. Verfügbar unter https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/begriffe-von-a-z/l/leistungskatalog.html

CHENG, N., van HOOF, H., BOCKX, E., HOOGMARTENS, M. J., MULIER, J. C., DIJCKER, F. J. de et al. (1982). The Effects of Electric Currents on ATP Generation, Protein Synthesis, and Membrane Transport in Rat Skin. Clinical Orthopaedics and Related Research, &NA;, 264-272. https://doi.org/10.1097/00003086-198211000-00045

Deutscher Ärzteverlag GmbH (Hrsg.). (2018). IGeL-Leistungen laut MDS nicht in Einklang mit medizinischen Empfehlungen. Zugriff am 17.12.2018. Verfügbar unter https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/94893/IGeL-Leistungen-laut-MDS-nicht-in-Einklang-mit-medizinischen-Empfehlungen

Deutscher Verlag für Gesundheitsinformation GmbH (Hrsg.). Medizinischer Fachartikel. Verfügbar unter https://www.leading-medicine-guide.de/Medizinische-Fachartikel/Schmerztherapie

Krankenkassen.de. (2018). Viele Krankenkassen leisten mehr als vom Gesetz gefordert. Zugriff am 04.12.2018. Verfügbar unter https://www.krankenkassen.de/gesetzliche-krankenkassen/leistungen-gesetzliche-krankenkassen/

Vdek. (2017). Vergütungsvereinbarung gemäß § 125 SGB V für die Abrechnung physiotherapeutischer Leistungen, Massagen und medizinischer Bäder gültig ab 01.12.2017 für die Bundesländer Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Bremen, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Schleswig-Holstein.

Walitschek, P. (2017). Luxxamed HD2000+ Technische Gebrauchsanweisung. Software-Version 1.X Stand Juni 2017 (7. Aufl.). Kassel: Luxxamed GmbH.

 

Wer darf Mikrostromtherapie durchführen🤷🏼‍♂️



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